Rückblick auf eine Revolution in Sachen Form und Farben – die Alfa Romeo Modelle Tipo 33 Stradale und Montreal, das Konzeptfahrzeug Carabo

– Die siebte Episode von „Storie Alfa Romeo“ nimmt die Zuschauer mit in die späten 1960er Jahre.
-Einfallsreichtum, Kompromisslosigkeit, Mut bei der Auswahl von Materialien, einzigartiger Stil als Synthese aus technologischer Kreativität und Innovation – das sind die Zutaten für den Supersportwagen Alfa Romeo Tipo 33 Stradale.
-Entworfen von Meisterdesigner Franco Scaglione, verschmelzen beim Tipo 33 Stradale das Streben nach höchster Funktionalität und optimaler Aerodynamik.
-Das Design ist Zeugnis für den Wettbewerbsgeist, der jedes Fahrzeugmodell von Alfa Romeo kennzeichnet.
-Dieser Ehrgeiz führte nicht nur zu zahlreichen Rennsiegen des Tipo 33, sondern auch zu einem ungleichen Zwillingsbruder – dem Showcar Carabo.
-Der Entwurf von Bertone-Designer Marcello Gandini, die futuristischen Merkmale und die Experimentierfreudigkeit bei der Karosseriefarbe, machten den Carabo zum „Auto von morgen“.
-Mit demselben Anspruch entstand auch der Alfa Romeo Montreal.

Die Beschreibung von Automobildesign verwendet häufig Begriffe aus der menschlichen Biologie. Die Fahrzeugfront wird als „Gesicht“ bezeichnet, die Scheinwerfer als „Augen“, der Kühlergrill als „Mund“. Und oft hat die Karosserie „Schultern“ oder eine „Hüfte“. Wie ist diese Vermenschlichung, vom Fachmann als Anthropomorphismus bezeichnet, entstanden und warum?

Die ersten Automobile waren nicht viel mehr als pferdelose Kutschen ohne besondere Verzierungen. Erst in den 1930er Jahren entwickelten sich die Karosseriebauer zu Experten für Metallbearbeitung. Sie formten das Blech von Hand direkt auf einen Holzrahmen und schufen so einzigartige Modelle mit runden, organischen Linien. Mit den Fortschritten in der industriellen Produktion vereinfachten sich die Formen stark, weil die zeitgenössischen Stahlpressen keine allzu feinen Details und ausgeprägte Dreidimensionalität zuließen.

In den späten 1960er Jahren entfernten sich diese beiden stilistischen Ansätze immer weiter voneinander. Der Unterschied zwischen Autos mit organischen beziehungsweise geometrischen Linien wird besonders deutlich beim Alfa Romeo Tipo 33 Stradale und dem Showcar Carabo – obwohl beide dieselbe technische Basis haben.

Die ungleichen Zwillingsbrüder
Der Alfa Romeo Tipo 33 Stradale und der Carabo könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine zeigt Muskeln und Sehnen wie ein Athlet. Der andere besteht fast nur aus geraden Kanten und scharfen Winkeln; ein Design, das darauf abzielt, die Essenz der Mobilität zu erfassen und in die Zukunft zu transportieren. Tipo 33 Stradale und Carabo sind so viel mehr als nur zwei Interpretationen desselben Themas, sie scheinen aus zwei verschiedenen Welten zu stammen.

Die gemeinsame Plattform von Tipo 33 Stradale und Carabo ist die Synthese aus 50 Jahren Erfahrung von Alfa Romeo im Rennsport. Sie ist das Ergebnis inspirierter und genauer Planung, von Fachwissen und Mut bei der Auswahl der Materialien. Das Design des Tipo 33 Stradale kombiniert technologische Innovation mit Kreativität.

Für den Wettbewerb bereit
1964 entschied Giuseppe Luraghi – zu dieser Zeit Präsident von Alfa Romeo – die offizielle Rückkehr der Marke in den Rennsport. Um keine Zeit mit dem Aufbau eines eigenen Werksteams zu verlieren, erwarb Luraghi Autodelta. Die ursprünglich in Udine im Nordosten von Italien beheimatete Firma war bereits Partner von Alfa Romeo bei der Produktion des Modells TZ. Zusammen mit Autodelta kehrte Carlo Chiti, der bereits von 1952 bis 1957 für Alfa Romeo gearbeitet hatte, zur Marke zurück und übernahm die Aufgabe des Leiters des offiziellen Teams.

Luraghi beauftrage Chitis Mannschaft mit der Entwicklung eines Rennwagens, der in zwei zu dieser Zeit äußerst populären Kategorien – der Sportwagen-Weltmeisterschaft und Bergrennen – um Erfolge und Medienaufmerksamkeit fahren sollte. Noch 1964 begannen die Arbeiten am Projekt Tipo 33.

Autodelta
Mitte der 1960er Jahre verlegte Autodelta den Firmensitz von Udine nach Settimo Milanese in der Nähe von Mailand. Damit reduzierte sich die Distanz zum Alfa Romeo Werk in Portello, vor allem aber zur Teststrecke in Balocco an der Autobahn zwischen Mailand und Turin.

Alfa Romeo konstruierte zunächst den tragenden Rahmen für den Tipo 33, das erste Exemplar wurde 1965 an Autodelta geliefert. Der Rahmen bestand aus drei H-förmig miteinander verschweißten Röhren aus einer Aluminiumlegierung. Die Kraftstofftanks waren in die seitlichen Hohlräume integriert. Ein aus Magnesium gefertigter Hilfsrahmen vorn nahm die Vorderradaufhängungen, die Kühler, die Lenkung und die Pedale auf. Motor und Getriebe waren in Längsrichtung hinter dem zweisitzigen Cockpit montiert. Die Karosserie bestand aus Glasfaser, um das Fahrzeuggewicht auf 600 Kilogramm zu bringen – das vom Reglement geforderte Mindestgewicht. Auch beim Tipo 33 war Leichtbau die Geheimwaffe von Alfa Romeo.

Gewinn der Marken-Weltmeisterschaft 1975 und 1977
Eine kurze Entwicklungszeit war für ein solch ehrgeiziges und innovatives Projekt unrealistisch. Fast zwei Jahre sollten schließlich vergehen, bis der Tipo 33 bereit für den ersten Renneinsatz war. Doch soweit war es noch nicht. Für die ersten Testfahrten installierten die Techniker den 1,6-Liter-Vierzylindermotor des GT-Sportwagens TZ2. Parallel dazu wurde ein völlig neues Triebwerk entwickelt. Mit acht Zylindern in V-Form und einem Hubraum von zwei Litern leistete es anfangs 169 kW (230 PS).

Die erste Version des Tipo 33 erhielt den Spitznahmen „Periscopica“, weil der über den Überrollbügel hinausragende Lufteinlass des Motors an das Periskop eines U-Boots erinnerte. Die Premiere fand am 12. März 1967 bei einem Bergrennen im belgischen Fléron bei Lüttich statt. Pilot war der Cheftestfahrer von Autodelta, Teodoro Zeccoli. Nach Jahren sorgfältiger Vorbereitung feierte der Alfa Romeo Tipo 33 gleich beim ersten Einsatz einen Sieg.

Das Bergrennen in Fléron markierte den Beginn einer Erfolgsgeschichte für den Tipo 33, der im Gewinn der Marken-Weltmeisterschaften 1975 und 1977 durch Alfa Romeo gipfelte. Diese Siege machten den Tipo 33 zu einem der erfolgreichsten Rennwagen seiner Ära.

Der Adlige aus Florenz, der Automobildesigner wurde
Die Erfolge des Tipo 33 auf der Rennstrecke ermunterten Alfa Romeo, eine in sehr kleinen Stückzahlen zu produzierende Straßenvariante zu entwickeln. Die Aufgabe, den sportlichen Charakter des Rennwagens auf den „Stradale“ zu übertragen, wurde Franco Scaglione anvertraut.

Scaglione wurde 1916 als Spross einer alten Adelsfamilie in Florenz geboren. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik, bis er zum Militär eingezogen wurde. 1941 geriet er an der libyschen Front in Kriegsgefangenschaft. Ende 1946 kehrte er nach Italien zurück. Statt sein Studium fortzusetzen, schlug er die Karriere eines Automobildesigners ein. Er arbeitete zunächst für Pinin Farina, dann bei Bertone und war später freiberuflich tätig.

Scaglione steckte sein gesamtes technisches Knowhow und seinen kreativen Mut in das Design des Tipo 33 Stradale. Das Ergebnis war ein Meisterwerk, bei dem stilistische Innovation mit dem Streben nach optimaler Aerodynamik und Funktionalität verschmolzen.

Der Alfa Romeo Tipo 33 Stradale
Die Motorabdeckung des Tipo 33 Stradale lässt sich als Ganzes öffnen, um den Zugang zu den mechanischen Komponenten zu erleichtern. Zum ersten Mal hatte ein straßenzugelassenes Auto Flügeltüren. Sie sahen nicht nur spektakulär aus, sie erleichterten auch das Einsteigen in das weniger als einen Meter hohe Fahrzeug. Hauptunterschiede zum Rennwagen waren die Verlängerung des Radstands um 10 Zentimeter und die Verwendung von Stahl anstelle von Aluminium für den H-förmigen Rahmen.

Der Motor des Tipo 33 Stradale war identisch mit der Rennversion. Er bestand nahezu vollständig aus Aluminium- und Magnesiumlegierungen, verfügte über eine Saugrohreinspritzung für den Kraftstoff und Trockensumpfschmierung für den Ölkreislauf. Beide Zylinderbänke waren mit zwei obenliegenden Nockenwellen sowie zwei Ventilen und zwei Zündkerzen pro Zylinder ausgerüstet. In einem so leichten Auto ermöglichte die Leistung von 169 kW (230 PS) eine Höchstgeschwindigkeit von 260 km/h. Den Sprint von null auf 100 km/h erledigte der Tipo 33 Stradale in 5,5 Sekunden.

Premiere auf der Rennstrecke von Monza
Einem breiten Publikum stellte Alfa Romeo den Tipo 33 Stradale auf dem Turiner Autosalon 1967 vor. Eine Handvoll Experten hatten schon einige Wochen zuvor das Vergnügen, im Rahmen des Großen Preis von Italien am 10. September 1967 auf der Rennstrecke von Monza. Der neunte Lauf zur Formel-1-Weltmeisterschaft 1967 ging nicht nur wegen einer epischen Aufholjagd von Jim Clark in die Geschichte ein, sondern auch für das Debüt eines der schönsten Sportwagen aller Zeiten.

Beim Marktstart war der Alfa Romeo Tipo 33 Stradale der teuerste Sportwagen. Er kostete damals fast 10 Millionen italienische Lire, die wichtigsten Konkurrenten dagegen nur sechs bis sieben Millionen. Nur zwölf Exemplare des Tipo 33 Stradale mit der von Scaglione entworfenen Karosserie wurden gebaut. Trotz des hohen Preises hatten die Käufer die Investition ihres Lebens getätigt: Der Alfa Romeo Tipo 33 Stradale ist heute praktisch unbezahlbar.

Das Konzeptfahrzeug Carabo
Der Tipo 33 Stradale war der Höhepunkt des Konzepts eines Autos mit organischem Design. Das Streben nach einzigartigem Stil führte Alfa Romeo aber auch in völlig andere Richtungen. So war die Idee eines „Autos der Zukunft“ schon 1952 mit dem von Touring entworfenen Modell 1900 C52 umgesetzt worden. Das Design des flachen Spider mit ausgeprägten Kotflügeln war so futuristisch, dass sich der Spitzname „Disco Volante“ (Fliegende Untertasse) durchsetzte.

Der Pariser Autosalon 1968 sah die Premiere eines Traumautos, das die Weiterentwicklung dieser radikalen Idee darstellte. Das Konzeptfahrzeug Carabo war ein frühes Meisterwerk von Bertone-Designer Marcello Gandini, zu diesem Zeitpunkt erst 30 Jahre alt. Der Carabo basierte auf der Mechanik des Tipo 33 Stradale, die in dieser Ära auch von anderen Designern für Einzelstücke verwendet wurde. Zu ihnen zählte der Iguana von Giorgetto Giugiaro, das 33.2 Coupé Speciale und der Cuneo von Pininfarina sowie der Navajo von Bertone.

In der Höhe ähnelten sich Tipo 33 Stradale und Carabo, aber die geschwungenen Linien waren vollständig verschwunden. Alles am Carabo war scharfkantig, von der Keilform bis zu den Scherentüren. Der Name Carabo war vom Goldlaufkäfer (Carabus auratus) inspiriert, denn Gandini hatte dem Showcar in dessen Farbe lackieren lassen: ein schillerndes Grün mit orangefarbenen Details.

Der Carabo bildete den Startpunkt für die Strategie von Alfa Romeo, extravaganten Farben und speziellen Lackiertechniken besondere Aufmerksamkeit zu schenken, um die Einzigartigkeit der Marke noch stärker hervorzuheben. Dieselbe Idee steckte auch hinter den Karosseriefarben des Alfa Romeo Montreal.

Der Alfa Romeo Montreal
1967 stellten zahlreiche Nationen ihre besten technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften auf der Weltausstellung in Montreal/Kanada aus. Die Organisatoren der Expo baten Alfa Romeo, ein technologisches Symbol zu schaffen, ein Fahrzeug stellvertretend für „Das höchste Streben des modernen Menschen im Bereich Automobil“. Orazio Satta Puliga und Giuseppe Busso von Alfa Romeo holten das Designstudio Bertone zur Unterstützung an Bord. Marcello Gandini wurde mit der Gestaltung der Karosserie und des Interieurs beauftragt.

Das Ergebnis war ein voller Erfolg. Die Besucher der Expo lobten die die Eleganz und die Botschaft des Montreal genannten Konzepts überschwänglich. Das öffentliche Interesse bewog Alfa Romeo dazu, eine Serienversion zu entwickeln, die 1970 auf dem Genfer Autosalon vorgestellt wurde.

Im Gegensatz zum Konzeptfahrzeug von der Expo wurde der fertige Alfa Romeo Montreal von einem V8-Motor angetrieben, der auf dem Triebwerk des Tipo 33 Stradale basierte. Im Sinne höherer Alltagstauglichkeit waren der Hubraum auf 2,6 Liter erhöht und die Leistung auf 147 kW (200 PS) gesenkt. Der Alfa Romeo Montreal beeindruckte mit seiner außergewöhnlichen Palette an Pastell- und Metallic-Farben: von Grün bis Silber, von Orange bis Gold.

Das Experimentieren mit Farben ist eine Tradition von Alfa Romeo, die sich in den heute angebotenen Karosserielackierungen fortsetzt. Sie heißen zum Beispiel Rosso Villa d’Este, Ochre GT Junior und Verde Montreal. Diese Farbtöne sind von der 110-jährigen Geschichte der Marke inspiriert und den aktuell leistungsstärksten Serienfahrzeugen vorbehalten.

Die weiteren Folgen zur „Storie Alfa Romeo“ finden Sie unter http://www.media.fcaemea.com/de-de/alfa-romeo/special/storie-alfa-romeo/storie-alfa-romeo-de.

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